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Privatpost Essen

1887 - 1898

Allgemeine Informationen über Essen: Wikipedia (en) (de) (fr) (es) (pt)

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Druckerei und Verlag Peter Pomp GmbH, Jahrbuch Essen 1989

DONALD PFLITSCH

 „… sämmtlichen Bewohnern von Essen
                   zum regen Gebrauche empfohlen!“                       

- Die Essener Privatpostanstalten im 19. Jahrhundert -

„Nahezu in allen Industrieländern der Welt ist zu beobachten, daß monopolistische Strukturen der vielfältigen Dynamik nicht mehr gewachsen sind und sich, sofern Sie bestehen bleiben, zu einem großen Hindernis für die Wachstums- und Innovationskräfte dieses bedeutenden Marktes entwickeln“

Mit jenen markigen Worten versucht unser derzeitiger Postminister der Öffentlichkeit sein Konzept “Post 2000“ schmackhaft zu machen, das mehr Marktwirtschaft, d.h. Konkurrenz, in bestimmten Bereichen des Post- und Fernmeldewesens zulassen will. Zwar gibt es künftig keine Private Postzustellung, aber das Anwachsen der Pakettransportunternehmen und die in letzter Zeit vermehrt in Kaufhäusern, Fachgeschäften und Schickimicki-Läden angebotenen Telefon-Endgeräte lassen ein riesiges Bedürfnis in dieser Richtung erkennen. Eine andere Frage ist: Gibt es bei steigenden Postgebühren durch erhöhte Löhne der Postler, Schreibunlust der Bevölkerung und einen merkbaren Nachlassen der Schreibkultur überhaupt noch in nicht allzu ferner Zukunft eine Briefzustellung nach altem Muster? Was wurde nicht in diesem Bereich alles wegrationalisiert ? Früher gab es mehrere Bestellgänge, und der Geldbriefträger drehte seine eigene Runde! Heute undenkbar, ein Vorgang, der sich 1893 abspielte und aktenkundig ist. Am 9. November 1893 beschwerte sich der Inhaber der bekannten Essener Druckerei Giradet beim hiesigen Kaiserlichen Postamt:

Das mitfolgende Couvert wurde am 7ert 5-6U hier abgestempelt und der Brief dennoch erst am 8ert Morgens 9 Uhr vom Briefträger an meiner Wohnung Kettwiger Chaussee 52 abgegeben. Da dies wiederholt vorgekommen, und mir dadurch mancherlei Unannehmlichkeiten bereitet sind, so erlaube ich mir die Anfrage, ob nach 6 Uhr Abend die Briefe, welche für die Anwohner der Kettwiger Chaussee bestimmt sind, nicht mehr ausgetragen werden. Ist dies der Fall, so bitte ich, eine diesen Uebelstande entgegenwirkende Verfügung verbeiführen zu wollen.

                                                                                                      Hochachtent!

                                                                                                      W.Giradet

 

Was Herrn Giradet das Essener Postamt antwortete, ist uns leider nicht überliefert. Bestimmt hat er seine Post noch bekommen … Heute weisen Bildschirmtext (Btx), Fernsprecher, Bildtelefon, Videowelle und Datenkommunikation in eine andere Richtung. Kurz: Teledialog und visuelle Botschaften der Computer-Welt sind im Vormarsch!

Erklärlicherweise drängen mit diesen lohnenden Perspektiven viele Anbieter auf den größer werdenden Markt, und die Post sieht hier eine Chance, die sehr arbeitsintensive „stoffliche“ Nachrichtenübermittlung zugunsten der leitungsgebundenen zurückzudrängen: Wenn einmal die entsprechenden Kabel liegen, dann klingelt leichter die Kasse. Schon heute ist es viel billiger, ein Ortsgespäch zu führen als einen Brief zu schreiben und auf Antwort zu warten. Dreiundzwanzig Pfennig sind ein zündendes Argument gegenüber 2 X achtzig Pfennig und mindestens zwei Tagen Wartens auf eine Antwort. Man greift zum Hörer, die Kommunikation kann beginnen ! Für die meisten Menschen ein Novum, daß bereits im letzen Viertel des vorigen Jahrhunderts bei der Post Gefechte ausgetragen wurden – jedoch in umgekehrter Richtung. Damals wollten Privatpostunternehmer ihr Glück versuchen, das Staatsunternehmen suchte verbissen nach Möglichkeiten, die lästige und teurere Konkurrenz (wegen der Einnahmeausfälle) loswerden. Versetzen wir uns in eine längst vergangene und im großen und ganzen vergessene Zeit zurück. Sie den „modernen“ Menschen durchsichtiger zu machen, ist auch ein Anliegen der Postgeschichte.

 

Das Postmonopol war nicht lückenlos
Private Botenpost der „öffentlichen Hand“ haben in unseren Breiten eine lange Tradition. Sie dienen hauptsächlich den Städten, dem Gewerbe, den Handelsstädten (Hanse) und der Obrigkeit. Für den Bürger – des Schreibens meist nicht kundig – entfiel die Notwendigkeit einer Korrespondenz nach auswärts. Die größtenteils autarken Gemeinwesen hatten keinen Bedarf am Nachrichtenaustausch. Und gab´s mal was mitzuteilen, so reiste bestimmt jemand in jene Region. Auch innerorts konnte man auf das Schreiben verzichten, denn bei der damaligen Übersichtlichkeit unserer Orte wäre ein Brief viel zu umständlich gewesen. Der direkte Gang zum Ansprechpartner war die logische Folge. Starb ein Bewohner, kam ein Kind zur Welt oder stand eine Heirat an, so sprach sich diese Neuigkeit schnell herum. Zum anderen gab es ja in der Kirche während des Gottesdienstes die gewohnten „Vermeldungen“. Überhaupt konnte am Klang der Kirchenglocke manches Ereignis erkannt werden, wie Sterbefälle, Hochzeiten und Feuer. Glocken als frühe Nachrichtenübermittler, damit hat sich postgeschichtliche Forschung bis jetzt noch nicht beschäftigt … Und ein Ausrufer der Gemeinde brachte schnell die amtlichen Bekanntmachungen unters Volk. Brandenburg-Preußen nahm durch Beschluß des Geheimen Staatsrates 1649 die Verwaltungsrad den Betrieb des Postwesens in eigene Regie. (2) Die Postzuordnung Preußens von 1712 legte fest, das die Beförderung verschlossener Briefe ausschließliches Recht des Staates sei. Von nun an können wir von einem Postmonopol sprechen.Die Gründung des Deutschen Reiches machte ein reichseinheitliches Postgesetz notwendig, das der Kaiser am 28. Oktober 1871 erließ. Eine Erläutering dazu (3) führt aus: „Nach §. 1 des Postgesetzes erstreckt sich das Postregal (ausschließliches Beförderungsrecht des Staates) in Betreff des Sendung auf die Beförderungaller versiegelten, zugenähten oder sonst verschlossenen Briefe gegen Bezahlung von Orten mit einer Postanstalt nach anderen Orten mit einer Postanstallt des In- oder Auslandes; falls nicht etwa die Verwendung durch ´expresse Boten oder Fuhrten´ geschah. (§.2). Demnach unterlagen dem Postzwange nicht die verschlossenen Briefe, die in einem Postort an Personen in diesem Orte gerichtet waren, also innerhalb ihres Ursprungsortes verblieben (Stadtbriefe, Ortsbriefe)Die Freilassung der verschlossenen Ortsbriefe vom Postzwang erwies sich jedoch je länger desto fühlbarer als eine Lücke im Postrechte, deren Ausfüllung im Interesse des Allgemeinwohls und des gesammten Postverkehrs nothwendig wurde …“ Als Folge dieser Lücke traten viele Unternehmer in mittleren und größeren Orten Deutschlands auf den Plan, innerhalb dieser Gemeinden verschlossene Briefe, Postkarten, Drucksachen, Einschreibebriefe und Geldsendungen zuzustellen. Selbst die Beförderung unverschlossener Briefschaften nach außerhalb untersagte das Gesetz nicht

Die Stadt wächst
Der industrielle Aufschwung machte bekannterweise auch vor der Stadt Essen nicht halt. Krupp ist mit der Region untrennbar verbunden, da auch der stetige Arbeitskräftebedarf die Bevölkerungszahlen seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts rapide anwachsen ließ.

Essens Einwohner:

1850

9000

1860

19600

1870

48500

1880

56944

1887

75000

(4)

 

 

 

 

 

Grob gesagt, hatte das Gebiet der Stadt Essen  seinerzeit nur folgende Ausdehnung: Vom Norden am „Union-Gelände“ (Grenze nach Altenessen) bis zur Grenze Rüttenscheids im Süden an der Baumstraße und von Krupps Gußstahlfabrik an der Grenze Altendorf im Westen bis zum östlichen Nachbarn, Frillendorf, an der Schwanenbuschstraße. Essen stand vor dem Sprung zur Großstadt!. Aufstrebende Industrie, blühender Handel, ein glänzendes Kaisertum und zuströmende Arbeitermit ihren Familien, das schien der richtige Nährboden für eine Essener Privatpostanstalt zu sein. Ein kommerzieller Aspekt darf neben vielen anderen deutschen Privatpostanstalten auch für Essen nicht außer acht gelassen werden: Das Briefmarkensammeln hatte sich schon durchgesetzt, und viele Menschen – vom Jüngling bis zum Greis – frönten diesem Hobby. Es gab bereits „Illustrierte Briefmarken-Albums“ (wie der Plural damals noch hieß), in die man fein säuberlich Marken einklebte, nachdem sie vorher vom „störenden Briefumschlag“ abgelöst worden waren. Heute eine Untat, die uns vieler alter Kulturgüter beraubte. Sammler begehrten seinerzeit Privatpostmarken, denn was hatte die Reichspost schon dem Kunden zu bieten? Gebührenzettel im wahrsten Sinne des Wortes; einfache Wappenmarken, trist und langweilig. Noch 1889 erschien erst die vierte „Abwechselung“. Die cleveren Privatpostunternehmer hatten längs die Gunst der Stunde entdeckt und bunte, ansprechende Bildchen für ihr Unternehmen werben lassen. Einen Blick in einen Privatpostmarkenkatalog läßt uns staunen, welche Farb- und Formenvielfalt an den Mann gebracht werden sollte. Auch die organisierte Philatelie sorgte früh für den Absatz der Privatpostmarken. So bot A.E. Glasewald in Mitteldeutschland seinen „Katalog und Mancoliste sämmtlicher bis Ende 1887 herausgegebenen deutschen Privatpost-Werthzeichen“ an. Das dazugehörige Album aus dem selben Hause (erschienen unter dem Pseudonym „A. Erdmann“) ist heute eine bibliophile Kostbarkeit.

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