Historie I

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Mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Druckerei und Verlag Peter Pomp GmbH, Jahrbuch Essen 1989

DONALD PFLITSCH

 „… sämmtlichen Bewohnern von Essen
                   zum regen Gebrauche empfohlen!“                       

- Die Essener Privatpostanstalten im 19. Jahrhundert -

„Nahezu in allen Industrieländern der Welt ist zu beobachten, daß monopolistische Strukturen der vielfältigen Dynamik nicht mehr gewachsen sind und sich, sofern Sie bestehen bleiben, zu einem großen Hindernis für die Wachstums- und Innovationskräfte dieses bedeutenden Mark-tes entwickeln“

Mit jenen markigen Worten versucht unser derzeitiger Postminister der Öffentlichkeit sein Kon-zept “Post 2000“ schmackhaft zu machen, das mehr Marktwirtschaft, d.h. Konkurrenz, in bestimmten Bereichen des Post- und Fernmeldewesens zulassen will. Zwar gibt es künftig keine Private Postzustellung, aber das Anwachsen der Pakettransportunternehmen und die in letzter Zeit vermehrt in Kaufhäusern, Fachgeschäften und Schickimicki-Läden angebotenen Telefon-Endgeräte lassen ein riesiges Bedürfnis in dieser Richtung erkennen. Eine andere Frage ist: Gibt es bei steigenden Postgebühren durch erhöhte Löhne der Postler, Schreibunlust der Bevölkerung und einen merkbaren Nachlassen der Schreibkultur überhaupt noch in nicht allzu ferner Zukunft eine Briefzustellung nach altem Muster? Was wurde nicht in diesem Bereich alles wegrationalisiert ? Früher gab es mehrere Bestellgänge, und der Geldbriefträger drehte seine eigene Runde! Heute undenkbar, ein Vorgang, der sich 1893 abspielte und aktenkundig ist. Am 9. November 1893 beschwerte sich der Inhaber der bekannten Essener Druckerei Giradet beim hiesigen Kaiserlichen Postamt:

Das mitfolgende Couvert wurde am 7ert 5-6U hier abgestempelt und der Brief dennoch erst am 8ert Morgens 9 Uhr vom Briefträger an meiner Wohnung Kettwiger Chaussee 52 abgegeben. Da dies wiederholt vorgekommen, und mir dadurch mancherlei Unannehmlichkeiten bereitet sind, so erlaube ich mir die Anfrage, ob nach 6 Uhr Abend die Briefe, welche für die Anwohner der Kettwiger Chaussee bestimmt sind, nicht mehr ausgetragen werden. Ist dies der Fall, so bitte ich, eine diesen Uebelstande entgegenwirkende Verfügung verbeiführen zu wollen.

                                                                                                      Hochachtent!

                                                                                                      W.Giradet

 

Was Herrn Giradet das Essener Postamt antwortete, ist uns leider nicht überliefert. Bestimmt hat er seine Post noch bekommen … Heute weisen Bildschirmtext (Btx), Fernsprecher, Bildtelefon, Videowelle und Datenkommunikation in eine andere Richtung. Kurz: Teledialog und visuelle Botschaften der Computer-Welt sind im Vormarsch!

Erklärlicherweise drängen mit diesen lohnenden Perspektiven viele Anbieter auf den größer werdenden Markt, und die Post sieht hier eine Chance, die sehr arbeitsintensive „stoffliche“ Nachrichtenübermittlung zugunsten der leitungsgebundenen zurückzudrängen: Wenn einmal die entsprechenden Kabel liegen, dann klingelt leichter die Kasse. Schon heute ist es viel billiger, ein Ortsgespäch zu führen als einen Brief zu schreiben und auf Antwort zu warten. Dreiundzwanzig Pfennig sind ein zündendes Argument gegenüber 2 X achtzig Pfennig und mindestens zwei Tagen Wartens auf eine Antwort. Man greift zum Hörer, die Kommunikation kann beginnen ! Für die meisten Menschen ein Novum, daß bereits im letzen Viertel des vorigen Jahrhunderts bei der Post Gefechte ausgetragen wurden – jedoch in umgekehrter Richtung. Damals wollten Privatpostunternehmer ihr Glück versuchen, das Staatsunternehmen suchte verbissen nach Möglichkeiten, die lästige und teurere Konkurrenz (wegen der Einnahmeausfälle) loswerden. Versetzen wir uns in eine längst vergangene und im großen und ganzen vergessene Zeit zurück. Sie den „modernen“ Menschen durchsichtiger zu machen, ist auch ein Anliegen der Postgeschichte.

 

Das Postmonopol war nicht lückenlos
Private Botenpost der „öffentlichen Hand“ haben in unseren Breiten eine lange Tradition. Sie dienen hauptsächlich den Städten, dem Gewerbe, den Handelsstädten (Hanse) und der Obrigkeit. Für den Bürger – des Schreibens meist nicht kundig – entfiel die Notwendigkeit einer Korrespondenz nach auswärts. Die größtenteils autarken Gemeinwesen hatten keinen Bedarf am Nachrichtenaustausch. Und gab´s mal was mitzuteilen, so reiste bestimmt jemand in jene Region. Auch innerorts konnte man auf das Schreiben verzichten, denn bei der damaligen Übersichtlichkeit unserer Orte wäre ein Brief viel zu umständlich gewesen. Der direkte Gang zum Ansprechpartner war die logische Folge. Starb ein Bewohner, kam ein Kind zur Welt oder stand eine Heirat an, so sprach sich diese Neuigkeit schnell herum. Zum anderen gab es ja in der Kirche während des Gottesdienstes die gewohnten „Vermeldungen“. Überhaupt konnte am Klang der Kirchenglocke manches Ereignis erkannt werden, wie Sterbefälle, Hochzeiten und Feuer. Glocken als frühe Nachrichtenübermittler, damit hat sich postgeschichtliche Forschung bis jetzt noch nicht beschäftigt … Und ein Ausrufer der Gemeinde brachte schnell die amtlichen Bekanntmachungen unters Volk. Brandenburg-Preußen nahm durch Beschluß des Geheimen Staatsrates 1649 die Verwaltungsrad den Betrieb des Postwesens in eigene Regie. (2) Die Postzuordnung Preußens von 1712 legte fest, das die Beförderung verschlossener Briefe ausschließliches Recht des Staates sei. Von nun an können wir von einem Postmonopol sprechen.Die Gründung des Deutschen Reiches machte ein reichseinheitliches Postgesetz notwendig, das der Kaiser am 28. Oktober 1871 erließ. Eine Erläutering dazu (3) führt aus: „Nach §. 1 des Postgesetzes erstreckt sich das Postregal (ausschließliches Beförderungsrecht des Staates) in Betreff des Sendung auf die Beförderungaller versiegelten, zugenähten oder sonst verschlossenen Briefe gegen Bezahlung von Orten mit einer Postanstalt nach anderen Orten mit einer Postanstallt des In- oder Auslandes; falls nicht etwa die Verwendung durch ´expresse Boten oder Fuhrten´ geschah. (§.2). Demnach unterlagen dem Postzwange nicht die verschlossenen Briefe, die in einem Postort an Personen in diesem Orte gerichtet waren, also innerhalb ihres Ursprungsortes verblieben (Stadtbriefe, Ortsbriefe)Die Freilassung der verschlossenen Ortsbriefe vom Postzwang erwies sich jedoch je länger desto fühlbarer als eine Lücke im Postrechte, deren Ausfüllung im Interesse des Allgemeinwohls und des gesammten Postverkehrs nothwendig wurde …“ Als Folge dieser Lücke traten viele Unternehmer in mittleren und größeren Orten Deutschlands auf den Plan, innerhalb dieser Gemeinden verschlossene Briefe, Postkarten, Drucksachen, Einschreibebriefe und Geldsendungen zuzustellen. Selbst die Beförderung unverschlossener Briefschaften nach außerhalb untersagte das Gesetz nicht

Die Stadt wächst
Der industrielle Aufschwung machte bekannterweise auch vor der Stadt Essen nicht halt. Krupp ist mit der Region untrennbar verbunden, da auch der stetige Arbeitskräftebedarf die Bevölkerungszahlen seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts rapide anwachsen ließ.

Essens Einwohner:

1850

9000

1860

19600

1870

48500

1880

56944

1887

75000

(4)

 

 

 

 

 

Grob gesagt, hatte das Gebiet der Stadt Essen  seinerzeit nur folgende Ausdehnung: Vom Norden am „Union-Gelände“ (Grenze nach Altenessen) bis zur Grenze Rüttenscheids im Süden an der Baumstraße und von Krupps Gußstahlfabrik an der Grenze Altendorf im Westen bis zum östlichen Nachbarn, Frillendorf, an der Schwanenbuschstraße. Essen stand vor dem Sprung zur Großstadt!. Aufstrebende Industrie, blühender Handel, ein glänzendes Kaisertum und zuströmende Arbeitermit ihren Familien, das schien der richtige Nährboden für eine Essener Privatpostanstalt zu sein. Ein kommerzieller Aspekt darf neben vielen anderen deutschen Privatpostanstalten auch für Essen nicht außer acht gelassen werden: Das Briefmarkensammeln hatte sich schon durchgesetzt, und viele Menschen – vom Jüngling bis zum Greis – frönten diesem Hobby. Es gab bereits „Illustrierte Briefmarken-Albums“ (wie der Plural damals noch hieß), in die man fein säuberlich Marken einklebte, nachdem sie vorher vom „störenden Briefumschlag“ abgelöst worden waren. Heute eine Untat, die uns vieler alter Kulturgüter beraubte. Sammler begehrten seinerzeit Privatpostmarken, denn was hatte die Reichspost schon dem Kunden zu bieten? Gebührenzettel im wahrsten Sinne des Wortes; einfache Wappenmarken, trist und langweilig. Noch 1889 erschien erst die vierte „Abwechselung“. Die cleveren Privatpostunternehmer hatten längs die Gunst der Stunde entdeckt und bunte, ansprechende Bildchen für ihr Unternehmen werben lassen. Einen Blick in einen Privatpostmarkenkatalog läßt uns staunen, welche Farb- und Formenvielfalt an den Mann gebracht werden sollte. Auch die organisierte Philatelie sorgte früh für den Absatz der Privatpostmarken. So bot A.E. Glasewald in Mitteldeutschland seinen „Katalog und Mancoliste sämmtlicher bis Ende 1887 herausgegebenen deutschen Privatpost-Werthzeichen“ an. Das dazugehörige Album aus dem selben Hause (erschienen unter dem Pseudonym „A. Erdmann“) ist heute eine bibliophile Kostbarkeit.

 

Ein Fünfundzwanzigjähriger macht Postgeschichte
Die Gunst der Stunde nutzte 1887 der Bochumer Luis Feldhaus, um in Essen die Eröffnung einer „Privat-Brief-Post“ ins Auge zu fassen. Es gehörte schon eine ganze Portion Mut dazu, als junger Bursche der Vaterstadt den Rücken zu kehren, und hier etwas für Essen Einmaliges zu etablieren! Doch vor dem wirtschaftlichen Erfolg hat Gott erst die Behörden placiert …1886 war Luis Feldhaus Volontär (5) und lebte im elterlichen Haus in Bochums Castroper Straße 5. Der Vater, Herrmann Feldhaus, war von Beruf „Stationsassistent“ und die Mutter, Maria Feldhaus, bewohnten dieses Haus noch 1888, als Louis sich dort nicht mehr aufhielt. Bis zu seiner Übersiedelung nach hier ist er anscheinend nicht aktenkundig geworden. Selbst sein Geburtsdatum war schwer zu ermitteln, bis ich eine kleine Randnotiz in den Unterlagen des Essener Stadtarchives fand: „13/8 62 zu Bochum geb.“

 

Menne aus Bochum war Vorbild
Am 16.5.1886 hatte der Bochumer Fuhrunternehmer Christian Menne den „Express-Packet-Verkehr“ eröffnet und das Unternehmen zum 1.1.1887 auf einen „Privat-Brief-Verkehr“ erweitert (6). Dieses Unternehmen bot die Basis für über 80 spekulative Markenausgaben der Bochumer Privatpost. Nach einer Veröffentlichung des Bochumers Heimatforschers Hansi Hungerige(7) „verzog einer der Angestellten Mennes nach Essen und gründete ebenfalls eine Privatpost“. Hierbei kann es sich nur um Louis Feldhaus handeln. Auch andere Parallelen zwischen den Bochumer und Essener Firmen werden dies bestätigen. Doch davon später mehr. Feldhaus hatte es eilig. Am 11. Oktober 1887 nach Essen zugezogen, richtete er am gleichen Tag eine Bekanntmachung an die hiesige Stadtverwaltung: „Einem Hochwohllöblichen Oberbürgermeister-Amt erlaubt sich der ganz ergebenst Unterzeichner die Meldung zu machen, daß ich am morgigen Tage eine Privat-Brief-Post für die Stadt Essen zu eröffnen beabsichtige, was ich hierdurch anzuzeigen nicht verfehle.         

                                                                                          Ganz ergebenst!                                                                                                                                                           Louis Feldhaus“

Das war ein starkes Stück! In einem obrigkeitsgläubigen Staat wagte es ein Bürger, ohne offizielle Genehmigung ein solch weitreichendes Vorhaben zu verwirklichen. Dabei konnte das Unternehmen von Louis Feldhaus ohne längere Vorbereitungszeit gar nicht gegründet werden:

  • Er mußte Personal anstellen,
  • Anmietung einer Wohnung und eines Büros mit Einrichtung desselben,
  • Absprachen mit Hauseigentümern zwecks Anbringen von Briefkästen und
  • Druck der Briefmarken und Postkarten, die wohl schwierigste Aufgabe

Doch Wertzeichen erschienen bereits im Oktober 1887 (9). Sein Brief vom 11. Oktober ans Oberbürgemeisteramt hinterläßt im nachhinein den Eindruck einer Überrumpelung der Behörden. Der Stadtverwaltung war Feldhaus selbstverständlich nicht bekannt, weshalb sie das Schreiben an die Polizei mit der bitte weiterleitete, über die Person des Unternehmers Auskunft zu geben. Aber auch die sonst Allwissenden mußten passen, da „derselbe erst am 11.d.Mts.von Bochum kommend hier zugezogen ist“. Louis Feldhaus  Schuf vollendete Tatsachen

Brief an OB von Feldhaus

Lous Feldhaus´Mitteilung an das Oberbürgermeisteramt vom 11. Oktober 1887

Die Literaturgibt das Eröffnungsdatum der ersten Essener Privatpost teilweise falsch an. Das Schmidt-Handbuch (1939) nennt den 17.10.1887, Hans Meier zu Eissen geht überhaupt mit den Daten recht großzügig um und nennt den 14.10.1887. In einem Artikel der WAZ vom 9.7.1954 wird als frühestes Abstempeldatum der „8.X.1887“ genannt. All diese Zeitangaben gehören eindeutig ins Reich der Phantasie. Die Eröffnungsanzeige in der Rheinisch-Westfälischen Zeitung vom 13.10.1887 (10) hatte folgenden Wortlaut:

Rheinisch-Westfälische zeitung 13.10.1887

 Rheinisch-Westfälischen Zeitung vom 13.10.1887

Bei dieser Ausgabe der Anonce lag Feldhaus noch keine Genehmigung der Behörde vor, obwohl er wissen mußte, daß Postkästen an der Vorderfront der Häuser genehmigungspflichtig waren. Diese Legitimation wollte sich der Unternehmer erst durch ein Gesuch vom 14. Oktober1887 erteilen lassen: Geschrieben von Louis Feldhaus, unterzeichneten zehn Hauseigentümer diese Eingabe, an erster Stelle W.Brünninghoff, der Besitzer des Hauses Viehoferchaussee 32, in dem sich die Wohnung und das Büro von Feldhaus befanden.

 

Der flinke Unternehmer
Die grünen Briefkästen hingen bereits, um das staunende Publikum bekam natürlich nichts von jenem Briefwechsel mit, der zwischen den königlichen Amtsstuben ablief. Durch einen Bericht des Postamtes Essen hellhörig geworden, trat die Düsseldorfer Oberpostdirektion sogleich auf den Plan und versuchte durch ein 9seitiges Schreiben (nebst 4 Seiten Beilage, eine Entscheidung des Herzoglichen Braunschweigisch-Lüneburgischen Staatsministerium zu Braunschweig, die Anbringung von Straßenbriefkästen in Braunschweig betreffend)  dem Essener Oberbürgermeisteramt die Privatpostunternehmer als zwielichtige Gestalten darzustellen. Damit wollte man ihnen Unzuverlässigkeit, Unkorrektheit und Skrupellosigkeit ankreiden; einzelne Unternehmer hätten „sich als Schwindler und Abenteurer schlimmster Sorte erwiesen, da sie nur darauf ausgegangen waren, aus dem Verkaufe der Freimarken pp. Nutzen zu ziehen und dann unter Hinterlassung von Schulden unter Mitnahme der Geschäftskasse zu verschwinden“  Vor allen Dingen solle darauf geachtet werden, daß kein Briefkasten der Privatpost an der Vorderfront der Häuser – also im Luftraum über dem Gehsteig – angebracht sei, und die Beschriftung der Briefkästen, Wertzeichen und Korrespondenzkarten nicht das Wort „POST“ aufweise. Alles selbstverständlich nicht aus Staatsräson, sondern nur „im Interesse der Einwohner von Essen“. Man höre und staune … Im Hinterkopf hatte die Reichspost allerdings wirtschaftliche Erwägungen. Um dieser Konkurrenz zu machen, konnten die Privatpostanstalten nur durch unkonventionelle Dienstleistungen, Schnelligkeit und geringe Gebühren bestehen. So warben die „Privaten“ mit bedeutenden niedrigeren Porti, was der nachstehende Vergleich zwischen der Essener Privatpost und der Deutschen Reichspost unterstreicht:

Postkarten

2 Pfg.

5 Pfg.

Briefe

3 Pfg.

10 Pfg.

Einschreiben

5 Pfg.

30 Pfg.

 

 

 

(Damals rechnete der Verbraucher noch mehr mit dem Pfennig. Zum Beispiel war das Ei für etwa 5 Pfg. zu haben; ein Zentner Kohle kostete 1,20 Mark. Die Kaufkraft der DM macht heute nur noch ein Neuntel gegenüber der Mark in Goldwährung aus.)

Das Anwachsen der Städte mit vermehrtem Postaufkommen machte die „Gesetzeslücke Privatpost“ nun auch für die staatliche Postverwaltung interessant. Noch vor etwa 3 Jahrzehnten genügte schließlich zum Austragen der Postsendungen in Essen ein einziger Briefträger! Verstärkte Einnahmeausfälle der Reichspost machten sich durch einen jährlichen Reingewinn der deutschen Privatpostanstalten von 500.000 Goldmark schon schmerzlich bemerkbar. Allein für München errechnete die Post im Jahre 1897 einen Verlust von über 44.000 Goldmark (11). So stand bei den Knüppeln, die Feldhaus von der Obrigkeit zwischen die Beine geworfen wurden, nicht das „Interesse der Einwohner von Essen“ im Vordergrund, sondern eine gut gefüllte Postkasse des Generalpostmeisters Dr. Heinrich von Stephan! Trotzdem leistete die Stadtverwaltung in Verbindung mit der Polizei Amtshilfe und erzwang eine Demontage der Briefkästen und ihre Verbannung in Hauseingänge und Läden sowie eine Umfirmierung in das Wortungetüm „Privat-Brief-Verkehr Essen“. Im nachhinein gesehen, hatte die Staatsmacht einen kleinen Unternehmer ohne rechtliche Grundlage in die Knie gezwungen – auch wenn die Aktivitäten von Feldhaus nicht die makellosesten waren! Aber das steht auf einem anderem Blatt. Aus Unkenntnis über seine Rechte kapitulierte er … Heute steht zweifelsfrei fest (12): Es gab im Königreich Preußen, einem Teilstaat des Deutschen Reiches, ein höchstrichterliches Urteil von 1887, das ein Einschreiten der Briefkästen an der Vorderfront und Benutzung des Begriffs „Post“ im Firmennamen mit der Begründung, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, nicht legalisierte. Ganz im Gegenteil! Nur bei einer Schädigung der Post, zum Beispiel durch mißbräuchliche Verwendung des Namens „Reichspost“ oder „Kaiserliche Post“, durften die Ordnungshüter nach dem deutschen Handelsrecht intervenieren. Auch die Oberpostdirektion Düsseldorf mußte in einem Schreiben an die Essener Stadtverwaltung vom 26.10.1887 eingestehen: „Eine gesetzliche Bestimmung, auf Grund welcher der Inhaber von Privatbriefbeförderungsanstalten die Aufnahme des Wortes ´Post´ in ihre Firmenbezeichnungen u.s.w. verboten wäre, ist nicht vorhanden.“ Logischerweise hielt die Reichspost diesen für sie unangenehmen Urteilsspruch unter Verschluß. Erst 1898, als das Ende der Privatpostanstalten kurz bevor stand, fand diese Entscheidung in den Ausführungsbestimmungen der Gewerbeordnung Publizität: „ Die Bezeichnung ´Post´ kann Privatpostanstalten nicht verboten werden.“ Wie heißt´s doch: „Honi soit qui mal y pense.“ – Verachtet sei, wer Arges dabei denkt … Immerhin hatte Feldhaus wieder 12 Hausbesitzer, die Gesuche an die Polizeiverwaltung richteten, Briefkästen an der Türe ihrer Häuser anbringen zu dürfen – sämtlich im Gebiet der Essener Innenstadt gelegen. Unter anderen signierten auch der Besitzer des Fotoladens und Herausgeber Essener Ansichtskarten, Otto Küllenberg am Kopfsteinplatz. Diese Anträge genehmigte man mit der Bestimmung: „Jederzeit widerrufliche Erlaubnniß zum Anbringen eines Briefkastens der hiesigen Privat-Brief-Post …“ (Oktober 1887) bzw. nach dem Einspruch der Oberpostdirektion „Jederzeit widerrufliche Erlaubniß unter der Bedingung, das der Kasten nur die Aufschrift ´Privat-Brief-Verkehr´ tragen und nicht in die Straßenflucht treten dürfen …“ (November 1887). Großzügig gestatteten die Behörden etwas, wozu sie eigentlich kein Recht hatte!

 

Feldhaus war doch kein unbeschriebenes Blatt
„Derselbe (=Feldhaus) ist in der Sitzung des Königlichen Schwurgerichts zu Essen vom 8. April pr: wegen Unterschlagung in drei Fällen mit einem Monat Gefängnis bestraft worden.“, schrieb die Bochumer Polizeiverwaltung der Essener Behörde auf deren Anfrage noch dem Vorleben und den möglichen Bestrafungen von Louis Feldhaus. Ob er wohl seinen ehemaligen Arbeitgeber, dem Privatpostkollegen Christian Menne aus Bochum betrogen hat und deshalb – arbeitslos – sein Glück auf eigene Rechnung in Essen versuchte? Darüber kann man heute nur noch spekulieren! Daß Feldhaus´ Unternehmen nicht ausschließlich auf seriöser Grundlage stand, ist dem Betrachter von Anfang an klar. Vielmehr sollte durch die unseriöse Emission von Wertzeichen schnell die Kasse gefüllt werden. Er hatte ja in seinem ehemaligen Bochumer Arbeitgeber Menne einen guten Lehrmeister. Ein Betrug ist auch in der Tatsache zu erkennen, daß man Briefmarken in der Regel auf Vorrat kauft. Sie sind sozusagen ein „Versprechen“ der Postverwaltung oder des Privatpostunternehmers, zukünftig eine gewisse Leistung – in diesem Falle die Beförderung einer Nachricht – zu erbringen. Was sollten nach dem plötzlichen Verschwinden des Inhabers und dem damit verbundenen Erlöschen des Zustellbetriebes die gutgläubigen Käufer – Privatpersonen, Vereine und Firmen – mit den geldwerten Marken anfangen ? Wertloses Altpapier! Nicht zu vergessen sind auch die oft nennenswerten Kautionen, die Angestellte (meistens Boten) vor Arbeitsantritt beim Unternehmer zu hinterlegen hatten. Eindeutige Parallelen bei Essener und Bochumer Privatpostmarken, Utensilien sowie Firmenbezeichnung sind offensichtlich, bisher aber in den Quellen nicht angeschnitten. Wie aus der Literatur bekannt, hatten seinerzeit findige Unternehmer und interessierte Händler bei sehr vielen Markenausgaben deutscher Privatpostanstalten ihre auf schnellen wirtschaftlichen Erfolg abzielenden Hände mit im Spiel. So war auch die ehrwürdige Briefmarkenhandelsfirma Gebrüder Senf damals nicht untätig, durch von ihr protegierten Ausgaben die Sammler zur Kasse zu bitten. Der Privatpostmarkenkatalog von Hans Meier zu Eissen führt dazu im Bochum-Teil aus: „Herstellung und Entwurf der Marken Nr. … gehen auf initiativen des Markenhauses Gebr. Senf, Leipzig, zurück, das dem Spediteur die Auflage ´zur Einführung´ kostenlos zur Verfügung stellte.“ Wenn Senf in Bochum rührig war, warum nicht auch in Essen? Ähnlichkeiten der Emissionen, die „Geschäftspolitik“ beider Unternehmer, und das Vorhandensein der ersten Essener Privatpostmarken gleich am Tage der Eröffnung – obwohl Feldhaus erst tags zuvor aus Bochum in Essen zuzog – lassen breiten Raum für Spekulationen.

 

Die Markenausgaben der Privat-Stadt-Post (Privat-Brief-Verkehr)
Die Emsigkeit beim einsammeln und austragen der Sendungen sollte bei der ersten Serie Essener Privatpostmarken ein Bote auf einer Biene verdeutlichen. Vier Werte zu 2,3,5 und 10 Pfennig deckten genau die gängigen Tarife ab.

 Essen Privat-Stadt-Post Ausgabe

 

Trotz massiver Interventionen der Behörden dauerte es zwei Monate, bis Feldhaus eine Korrektur dieser Wertzeichen vornahm. Mittels Handstempel überdruckte er die sicherlich nicht häufig gefragten Werte zu 5 Pfennig (für eingeschriebene Briefe) und 10 Pfennig (für Geldsendungen), um gängige 2 und 3 Pfennig-Marken zu erhalten und die monierte alte Firmenbezeichnung „Privat-Stadt-Post“ zu tilgen. Bei einigen Werten zu 10 Pfennig muß im Laufe der Zeit eine Farbveränderung von lila nach braun erfolgt sein.

Essen Provisorische Ausgabe

Provisorische Ausgabe vom 19.Dezember 1887

Obwohl Lois Feldhaus in einem Bittbrief vom 21. Oktober 1887 um Milde und kurzfristigen Aufschub für die behördlicherseits geforderte Korrektur seines Firmennamens beim Bürgermeisteramt nachsuchte, kam er der angekündigten  Änderung des Entwertungsstempels bis zum Schluß seiner Tätigkeit nicht nach!  Seinen Kunden bot Feldhaus gleich bei Geschäftsbeginn eine Postkarte mit eingedruckter Wertmarke an. Sie trug selbstverständlich auch das Wort „POST“. Hier nahm der Unternehmer keinen Überdruck vor, sondern verausgabte eine Karte mit neuem Muster und geänderter Firmenbezeichnung. Dies geschah wieder auf behördlichen Druck, denn mit Schreiben vom 21. Januar 1888 forderte die Oberpostdirektion das Essener Oberbürgermeisteramt auf, „den Feldhaus gefälligst polizeilich anzuhalten, daß er andere Korrespondenzkarten herstellen bz. Das Wort ´Post´ auf den zurzeit in Gebrauch befindlichen Karten streichen läßt.“. Im Antwortschreiben fügte die Stadtverwaltung eine berichtigte Korrespondenzkarte bei mit der Bemerkung, Feldhaus verkaufe seit Dezember (1887) nur noch Karten, die behördlicherseits keinen Anstoß erregen. Mit diesem Hinweis muß das in den Katalogen angegebene Ausgabedatum für die Postkarte Nr. 2 („Januar 1888“) auf Dezember 1887 festgelegt werden! Auch Kartenbriefe standen ab 1888 zur Verfügung: zuerst mit einem 3 Pfennig-Wertzeichen, später zu 4 Pfennig, was einem Papierpreiszuschlag von 1 Pfennig entsprach. Feldhaus spekuliert natürlich auf Großkunden, die massenweise Aussendungen vornehmen, z.B. Firmen und Vereine. Dazu verausgabte er am 1. Januar 1888 sogenannte Quittungsmarken für Massensendungen. Inwieweit er seinen Kunden dabei eventuelle Rabatte gewährte, ist nicht bekannt. Da sich Feldhaus noch zu diesem Zeitpunkt über das Benutzungsverbot seines Firmennamens mit dem unbequemen Wort „post“ hinwegsetzte, wird deutlich, daß die Marken schon vor der Geschäftseröffnung geplant und gedruckt worden sind. Ein seltenes Essai dieser Ausgabe soll nachfolgend die grafische Qualität belegen.

  Stadtpost Essen Essai01

Essai im schwarzen Druck

Ebenso liegt mir ein Probedruck (ähnliche Anordnung in Blockform auf gummiertem Papier) mit 8 Wertzeichen vor. Die Marken in den Farben dunkelgrün, lilagrau, schwarz, rotbraun und rot erschienen gezähnt sowie auch ungezähnt. Das Wort „Quittungsmarke“ sagt aus, daß man diese Briefmarken nicht auf Postsendungen, sondern auf irgendwelchen Abrechnungsbelege klebte, was das bisherige Fehlen von gestempelten Exemplaren erklärt. Erst am 3. Januar erschien die erste „Dauerserie“ mit berichtigter Firmenbezeichnung „Privat-Brief-Verkehr“, doch auch sie sorgte für einiges Aufsehen. Später mehr darüber.

Essener Privat Brief Verkehr

Jetzt bedient sich Feldhaus des Essener Wappens als Markenbild – allerdings in eigenwilliger, aber trotzdem dekorativer Darstellung. Wieder waren es die vier gebräuchlichsten Wertstufen von 2 bis 10 Pfennig in gezähnter und geschnittener Erhaltung. Die Druckausführung reicht jedoch nicht an die Qualität der ersten Ausgabe heran. Logisch, denn es handelte sich hier um eine gewissermaßen um eine behördlicherseits „erzwungene“ Ausgabe, die durch das Verbot des Wortes „Post“ notwendig war und schnell auf den Markt kommen mußte.Bestimmt schmiedete Feldhaus ursprünglich andere Pläne… Die Druckerei stellte für alle Werte einen „Urstein“ her, dem anschließend per Hand – vereinfacht ausgedrückt, die jeweils vier schrägstehenden Ziffern jeder Marke hinzugefügt wurden. Das erklärt die Typenvielfalt bei den Wertziffern. Eine 3 Pfennig-Marke in violetter Farbe, was Glasewald´s „Neueste Privatpost-Nachrichten“ im März 1888 zu folgendem Hinweis veranlaßte:                                                                                           ESSEN a.R. Der Unternehmer Feldhaus teilt uns in Folge einer Anfragewegen der 3 Pfg. violett folgendes mit: die von mir beorderten 3 Pf.-Marken sind durch ein Missverständniss in violett gedruckt worden; ich sehe mich aber noch durch einen anderen Umstand veranlasst, diese Marken nicht wieder anfertigen zu lasse, indem von derselben bereits Stücke in Umlauf waren, als ich diese noch gar nicht empfangen hatte. Sollte ihnen von diesen Marken angeboten werden, so diene Ihnen zur Nachricht, dass ich vor dem 6. Februar ausgegebene 3 Pf.-Marken, violett, gezähnt sowie überhaupt alle ungezähnten 3 Pf. violett als Fälschungen ansehen muss.
Die Literatur führt immer wieder aus . obwohl kein Hinweis auf eine konkrete Quelle zu finden ist – der „Bochumer Drucker“ habe diese Serie nachgedruckt und auf eigene Rechnung an Briefmarkenhändler vertrieben, weil Feldhaus bezogene Marken nicht bezahlte. Die Nachdrucke über neue Platten (aber ohne die ursprünglichen 5 Typen der Wertziffern) können von den Originalen leicht unterschieden werden. Auch Phantasie-Erzeugnisse (wobei eine nie offiziell verausgabte 1 Pfennig-Marke besonders hervorzuheben ist) waren im Umlauf. Hierzu wieder Glasewald´s „Neueste Privatpost-Nachrichten“ vom Aprill 1888:
ESSEN: Die Essener Marken wurden von unberufener Seite in anderen Farben am Markt gebracht, z.B. 1 Pf. Grün, 5 Pf. Roth etc. ´Dieseben sind falsch und waren nie in meinem Besitz´, schreibt uns der Unternehmer. Hoffentlich gelingt es, diesem tollen Treiben ein Ende zu machen.
Doch das Ende kam schneller als erwartet!
Im Februar verausgabte Feldhaus wieder eine Aushilfsausgabe, ähnlich den Handstempelüberdrucken auf der ersten Serie, nun aber im Buchdruck. Hier sind zwei Zifferntypen (rund und eckig) deutlich zu unterscheiden. Auch von diesen Werten gibt es Neudrucke in gezähnter und geschnittener Ausführung (ebenso kopfstehende Aufdrucke), die leicht auseinanderzuhalten sind.

Essen Aushilfsausgabe Februar 1889

Aushilfsausgabe Februar 1888

Quittungsmarken hatten es Feldhaus angetan, denn die zweite Ausgabe dieser „hochwertigen“ Marken zu 20 bis 100 Pfennig ließ nicht lange auf sich warten: Bereits zwei Monate nach der damaligen Emission trat der findige Unternehmer mit der ersten reinen Buchdruckserie hervor. Seine Ausgabefreudigkeit hatte dabei zum Teil auch wieder behördliche Gründe, denn der alte Firmenname mußte auf einfache Art getigt werden. Zum anderen brachten diese Marken mit ihren naturgemäß hohen Wertstufen durch aufnahmebereite Sammler schnell hohen Profit.

Essen Stadt-Brief-Verkehr

In meiner Sammlung befindet sich ein Wert zu 2 Pfennig der „Dauerserie“ vom 27. April 1888 mit einem undefinierbaren Tintenstrich. Die Diskussion innerhalb der Arbeitsgemeinschaften „Privatpost“ und „Vorausentwertungen“ führte letztendlich zu der Annahme, es könne sich doch um eine bisher nicht registrierte Federstrich- oder Vorausentwertung handeln.

Essen Federstrichentwertung

 

Die Brief- und Kartenbeförderung des Feldhaus-Unternehmens muß ein recht bescheidenes Ausmaß gehabt haben, denn nur allzu dürftig sind die überlieferten Bestände. Nach der bisher vertretenden Meinung kann von einer richtigen Postbeförderung wohl kaum die Rede sein. Besonders unverständlich sind deshalb die nicht geringen Schwierigkeiten, die man Feldhaus von seiten der Behörden machte. Der Mangel an echten gestempelten Marken hat natürlich auch Fälscher auf den Plan gerufen, und so tauschen hin und wieder Exemplare mit Phantasie- oder Falschstempeln auf. Ebenso werden in letzter Zeit Postkartenausschnitte als „Probedrucke auf Karton“ angeboten. Hier ist Vorsicht geboten! Außerdem sollte man beim Erwerb derartiger Stücke den rat von Experten einholen.

 

 

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